MEIN FREUND GERD

Mein Freund Gerd  
updated 09/04/14  


Spielbegleitende Eindrücke vom Sachsenpokalhalbfinale 1998


Wir schreiben Sonnabend, den 28.03.1998. Gerd sitzt mit seinen Eltern am Frühstückstisch. Dem schnell hinter gewürgten Brötchen folgt eine kurze Belehrung seines Vaters, inklusive der feierlichen Übergabe von zwei Bier Reiseproviant.
Versorgt und instruiert springt Gerd in seine Latschen und ab zum Sonnenberg! Stürmisches Klingeln bei den bekannten Nasen aus Kindheitstagen und schon ging es durch die Plattenbauschluchten runter zum Hauptbahnhof.
Da standen sie nun, 5 Jungs aus Chemnitz. Die von dem, was sie heut alles erleben würden, so absolut gar keine Ahnung hatten. Wochenendticket für 35 DM geholt und ab aufs Außengleis. Dort kam dann das was kommen musste….Blöde Blicke und noch blödere Sprüche. Was war los? Gerd war 16 Jahre alt und wollte nach Dresden, zu seinem ersten Auswärtsspiel ohne Elterliche Bekleidung. Doch eine Nebenwirkung dieser Euphorie schien ganz offensichtlich vorübergehende Farbenblindheit gewesen zu sein. Seit 10 Jahren CFC-Fan und zieht doch tatsächlich eine Jacke in den Farben vom Erzfeind an! Welch Rindvieh! Im jugendlichen Leichtsinn nur die Marke (Puma) im Kopf gehabt und mit keiner Spur daran gedacht, das Lila nun rein gar nichts für das Himmelblau Auge ist.

Naja, rein in den Zug, Abteil gesichert, Schiebetür geschlossen, aus der Jacke raus und Vorhang zugezogen….durchatmen. Dem flauen Gefühl folgte schnell wieder die Freude auf den Ausflug in die Landeshauptstadt. Man war das geil, das erste Mal mit seinen Kumpels zum Fußball und das auch noch zu einem richtigen Kracher. Sachsenpokalhalbfinale gegen Dynamo Dresden, die damals noch das Kürzel 1.FC im Namen trugen. Schnell das Schiebefenster runter und den frisch geschorenen Schädel zum Fenster raus gehalten, kurzer Blick zurück zum Hauptbahnhof und die Hülsen geöffnet. Prost Jungs…das wird ein guter Tag!
Poch, poch… klopfte es an der Tür und einige Kerle in unserem Alter suchten noch paar Plätze. Die Typen mussten schon länger zum Fußball gefahren sein, da erstmal alles was nicht niet- und nagelfest war, per Luftfracht aus dem Fenster befördert wurde und man sich im Nichtraucherabteil erst mal gemütlich eine ansteckte.
Irgendwann fuhr der Zug durch die ersten Vororte von Dresden. Gerd begab sich erneut zum Fenster und beobachtete mit großen Augen wie immer wieder Flaschen und Bierbüchsen aus den diversen Abteilen hinaus auf die Gleise flogen. So richtig schien das aber Keinen zu stören, weder den Schaffner noch die wenigen Bullen die hin und wieder mal durchs Bild liefen. Dann Ankunft in Dresden. Endlich! Unter lautem Gegröle der Fans öffneten sich die Türen und man sprang auf den Bahnsteig. „Hurra!, Hurra!...die Chemnitzer sind da!“ schallte es durch die riesige Bahnhofshalle.
Auf dem anschließenden Weg zum RHS säumten zwar einige Bullen die Flanken des Mobs, aber eher schlecht als recht. So wurden eben die ersten Trophäen von den umliegenden Dynamo-Fans einkassiert. Gerd war schwer begeistert, konnte aber seinen ersten Schal erst im Jahre 2001 organisieren. Egal, heute hieß es zuschauen und lernen!

Am Stadion Karte geholt und rein ins Rund. Dem langen Warten bis zum Anpfiff folgte ein Sirenengeheul in der Ferne. Nach und nach versammelten sich immer mehr Leute am oberen Ende des Gästeblockes, von wo aus man zur damaligen Zeit echt prima auf die Lennestraße schauen konnte. Immer mehr Leute tuschelten „…die Hools kommen…“. Kurze Zeit später bekam man sie zu Gesicht. Umringt von der Staatsmacht tauchten sie am Gästeeingang auf und schmetterten ein brachiales „ HooNaRa, HooNaRa…….“ Richtung Auswärtsfans, welches umgehend mit Applaus aus dem Block bedacht wurde. Viele der Hauer hatten dunkelblaue Bomberjacken an und sahen aus wie eine kleine Armee. Bezahlen wollten nur die Wenigsten und der Ordnungsdienst machte auch rasch den Weg frei.

Zum Kick gab es dann nicht viel zu sagen. Der Club siegte durch ein Tor von Jörg Schmidt und zog ins Finale gegen die Bauern aus dem Gebirge ein. 1000 Leute im Gästeblock hats gefreut!
Nach dem Spiel ist bekanntlich vor dem Spiel. Das war auch damals nicht anders! Beute wurde reichlich gemacht, was allerdings angesichts der Hools die sich mit auf dem Weg zum Bahnhof machten, ein Leichtes war. Hier und da gab es kleine Scharmützel mit den Dynamischen, aber das ein Chemnitzer was eingesteckt bzw. auf die Mütze bekommen hat, entzieht sich der allgemeinen Kenntnis. Heutzutage fast undenkbar!

Da am Bahnhof der Zug schon bereit stand, wurde dieser umgehend bestiegen. Kurz darauf folgte auch die sportliche Fraktion. Vor der Abfahrt standen auf einmal zwei Schnecken auf dem Bahnstieg und fingen an in Richtung Hools zu winken bzw. zu lächeln. Danach stieg ein Kante aus, nahm eine der Ladys unter den Arm und rief „Wenn du einen geil findest musst du alle nehmen“ …oder so ähnlich. Er verschwand mit ihr im Wagon und unter lautem Gegröle wurde der Oberkörper entkleidet und die Brüste fachmännisch auf Knoten kontrolliert. Nach einigen Sekunden war der Spuk vorbei und Dame verließ, leicht fluchend und etwas verheult, den Zug und nahm mit ihrer Freundin reis aus. Nach etlichen Notbremsen, konnte es dann endlich weiter Richtung Heimat gehen. Diverse Kleingartenanlagen am Rande der Bahnstrecke verbuchten noch eine Aufstockung ihres Inventars. Da flogen ganze Sitzbänke aus dem Fenster und wieder hat es keinen gestört. In Chemnitz wurde dann noch ein „Auswärtssieg“ angestimmt und dann ging es über den Sonnenberg zurück zum Elternhaus.
Das war seine erste Fahrt mit dem Anhang des Chemnitzer FC und sie hat Gerd geprägt. Er hatte Blut geleckt und sollte diesen Geschmack bis heute nicht aus dem Maul bekommen.